Kulturhauptstädte feiern Gemeinsamkeiten in Unterschieden

Die Plakette markiert die Grenze zwischen Nova Gorica und Gorizia.

Karneval der Kulturen in Chemnitz 

Für Chemnitz liegen Chancen und Herausforderung darin, sich nach rechtsextremen Ausschreitungen im Jahr 2018 als weltoffene Stadt zu präsentieren. „Bunt“ und „vielfältig“ lauteten die Schlagworte der Eröffnungsfeier im Januar, das Jahresprogramm steht unter dem Motto „C the Unseen“. Der Spot will die Aufmerksamkeit auf bislang weniger beachtete Menschen, Orte und Tätigkeiten richten. In diesem Sinne zeigt der alternative Stadtplan „ChemNetz“ abseits gängiger Kulturpfade die Kultur-, Tausch- und Mitmachorte sowie Gemeinschaftsgärten einer von Bürgerinnen und Bürgern gemachten Stadtkultur. Das Queeren-Netzwerk-Chemnitz organisiert an zwei Wochenenden im Juli und Oktober das Festival „C the Queer“ – mit Drag-Brunch, Lesungen und Diskussionsrunden. Der aus Berlin bekannte „Karneval der Kulturen“ feiert kulturelle Vielfalt in Chemnitz; ein Pflanzenfestival bereichert „Gelebte Nachbarschaften“; „Singen über Grenzen“ lässt Lieder im Widerstand gegen Diktaturen erklingen. Mehr Programmpunkte: https://chemnitz2025.de/programm/ 

Neue Identität zwischen Italien und Slowenien 

Nova Gorica und Gorizia feiern sich als „erste europäische Kulturhauptstadt ohne Grenzen“. Dabei teilten die beiden Städte einst das Schicksal des geteilten Berlins. Im Frieden von Paris wurde der kleinere Teil von Gorizia – oder: Görz, als es noch Teil der Habsburgermonarchie war – an Jugoslawien abgetreten. Dessen Regierungschef Tito ließ auf seiner Seite 1948 die Planstadt Nova Gorica errichten. Die historische Altstadt von Görz blieb bei den Italienern. Wie es eine Pressemitteilung für das Kulturhauptstadtjahr anschaulich beschreibt, zog sich der Riss durch „Häuser, Straßen, Höfe, Ställe und sogar einen Friedhof“. Stacheldraht, Wachen und Schmuggel markierten die Nahtstelle zwischen Ost- und Westblock. 

Nach dem Ende des Kalten Krieges 1991 ergriffen beide Seiten die Chance, ihre Nachbarschaft neu zu gestalten und eine gemeinsame Identität als Erbe für nachkommende Generationen zu entwickeln. Die Bewerbung für den Titel der Kulturhauptstadt reichten Nova Gorica und Gorizia gemeinsam ein. Mit Erfolg. Das Programm folgt dem Slogan „Go! Borderless“. Es hinterfragt das Konstrukt von Grenzen und Nationalitäten und sucht den gemeinsen Wert, der im Unterschied liegt. Zum Programm in der Kulturhauptstadt Nova Gorica/Gorizia: https://www.go2025.eu/en/whats-up/events

Blick auf die Stadt Nova Gorica im Westen Sloweniens

Als Menschen aus aller Welt vor sechs Jahren angesichts der brennenden Kathedrale Notre-Dame de Paris in Tränen ausbrachen, zeigten sie, wie stark ein kulturelles Objekt unsere Identität und Gemeinschaft prägt. Längst hat das die Europäische Union erkannt und vergibt seit 1985 jedes Jahr den Titel „Kulturhauptstadt Europas“ an ausgewählte Städte. In diesem Jahr sind es Chemnitz und die slowenisch-italienischen Grenzstädte Nova Gorica und Gorizia. 

Ein Jahr lang rückt „die Kultur in den Mittelpunkt“ der ausgesuchten Städte, wie die EU-Kommission herausstellt. Die Initiative ziele darauf ab, den kulturellen Reichtum Europas in den Fokus zu rücken. Dass dieser Reichtum ausdrücklich unterstrichen werden muss, hat durchaus ein Geschmäckle: Als Wirtschaftsfaktoren gelten Kunst, Musik, Theater und Literatur eher nicht. Nur so ist zu erklären, dass sie zuerst auf der Streichliste stehen, wenn es finanziell eng wird. Und auch während der Coronapandemie wurden Freizeitaktivitäten im kulturellen Bereich strenger gelockdowned als beispielsweise Fußballspiele.

Immerhin: Die EU weiß um die wirtschaftliche Bedeutung von Kultur und fördert entsprechend das Veranstaltungsprogramm der jeweiligen Kulturhauptstädte. Auf diese Weise soll ein Beitrag zur Entwicklung der Städte geleistet, sollen Touristen in die Region gelockt sowie die Bürgerinnen und Bürger die Bedeutung ihrer Heimatorte neu vermittelt werden.

GELEBTE NACHBARSCHAFT Pflanzaktion (c) Chemnitz2025_presse_Peter Rossner.jpg

Autorin: Dr. Anke Barbara Schwarze, Historikerin und Redakteurin