Immer mehr möchten mitmachen

Europa wollte wachsen – doch erst mussten Diktatoren stürzen und alte Feindschaften überwunden werden.

Für die Europäische Gemeinschaft (EG) lief es richtig gut ab Mitte der 1960er-Jahre. In Brüssel unterzeichneten die Außenminister der Bundesrepublik, von Italien, Frankreich, Belgien, Luxemburg und den Niederlanden den „Fusionsvertrag“. Verschmolzen wurden darin die Vollzugsorgane der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl, der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft und der Europäischen Atomgemeinschaft. Stattdessen wurde ein gemeinsamer Rat und eine gemeinsame Kommission der EG gebildet. 1968 rückten die sechs Mitgliedsstaaten in der Zollunion noch enger zusammen: Alle Binnenzölle für gewerbliche Produkte wurden abgeschafft und ein gemeinsamer Außenzoll gegenüber Drittländern vereinbart.

Die EG blühte also auf – und wurde für andere Staaten attraktiv. Doch Großbritannien, Irland und Dänemark scheiterten mit ihren Beitrittsgesuchen, nachdem sie sich erst mit anderen Partnern umgetan hatten. 1960 hatten sieben europäische Staaten, die nicht zur EG gehörten – Großbritannien, Schweden, Dänemark, Norwegen, Österreich, Portugal und die Schweiz – ein Freihandelsabkommen (EFTA) unterzeichnet. Mit diesem Konkurrenten zur EG tat sich eine Kluft zwischen in Westeuropa auf: zwischen der EG als Fürsprecher einer wirtschaftlichen und politischen Föderation und den Vertretern einer lediglich handelspolitischen Zusammenarbeit, eben den EFTA-Staaten.

Charles de Gaulle (Denkmal auf der Avenue des Champs-Élysées) schätzte Großbritannien ebenso wie er es fürchtete – und verweigerte dem Vereinigten Königreich den Zutritt zur EG.

Blockiert von de Gaulle: Großbritanniens mühsamer Weg in die EG

Schnell zeigte sich, dass die EG erfolgreicher war. „Die Wachstumsdynamik, die die Politik der wirtschaftlichen Integration in den späten 1950er- und 1960er-Jahren auslöste, konnte durch eine reine Zollpolitik, wie die EFTA sie verfolgte, nicht erreicht werden“, schreibt Ursula Lehmkuhl, Professorin für Internationale Geschichte an der Uni Trier für bpb.de. Im Sommer 1961 beantragten daher Irland, Großbritannien und Dänemark nacheinander den Beitritt zur EG.

Doch ihr Anliegen scheiterte am französischen Staatspräsidenten Charles de Gaulle. Wie sich der britisch-österreichische Diplomat Lord George Weidenfeld noch 2015 in einer Kolumne für die „Welt“ erinnerte, habe der Franzose das britische Ansinnen „brüsk“ abgelehnt. Zu tief saß das Misstrauen des Staatsoberhaupts der einstigen „Grand Nation“ gegen den ehemaligen Erzfeind Großbritannien. Nach dem Motto „mitgefangen, mitgehangen“ wurden auch Dänemark und Irland abgewiesen. Beide Staaten waren wirtschaftlich eng mit Großbritannien verbunden und hatten ihre Anträge von der Aufnahme der Briten abhängig gemacht. 1967 versuchten es die drei Staaten erneut – und scheiterten einmal mehr am Veto Frankreichs. Erst 1973 wurden Dänemark, Irland und Großbritannien aufgenommen.

Der „Mirador de la Memoria“ (Ausblick der Erinnerung) ist ein Mahnmal in El Torno, Spanien, für die Opfer des von Franco angezettelten Spanischen Bürgerkriegs (1936–1939).

Rückkehr zur Demokratie: Griechenland, Spanien und Portugal in der EG

Kurz darauf ändert sich die politische Lage dreier Staaten am Rande Europas radikal. In Portugal, Spanien und Griechenland herrschten bis 1974/1975 Diktaturen. Im April 1974 beendete die „Nelkenrevolution“ das dem Faschismus nahestehende Regime von António de Oliveira Salazar († 1970). Die demokratischen Rebellen hatten die rote Nelke, das internationale Emblem der Arbeiterbewegung, zu ihrem Erkennungszeichen gemacht.

Ebenfalls im Jahr 1974 brach die Militärdiktatur in Griechenland zusammen. Das brutale Regime konnte sich angesichts wachsenden Widerstands in der Bevölkerung, innerer Machtkämpfe und außenpolitischer Krisen (Besetzung Zyperns durch türkische Truppen) nicht mehr halten. Der aus dem Exil zurückgerufene Politiker Konstantinos Karamanlis errichtete eine liberal-konservative Regierung. Zuletzt endete das faschistische Regime in Spanien nach dem Tod von Generalísimo Franco. Zwar hatte der Diktatur mit Juan Carlos I. einen Monarchen zu seinem Nachfolger bestimmt, doch der ebnete demokratischen Wahlen die Bahn.

Die neuen demokratischen Regierungen machten den Weg frei zur Mitgliedschaft in der EG. 1981 wurde Griechenland aufgenommen, 1985 Portugal und Spanien. Die Europäische Gemeinschaft war auf zwölf Staaten angewachsen.

Autorin: Dr. Anke Barbara Schwarze, Historikerin und Redakteurin