Europas Klöster bewahrten antikes Erbe

Verwaltungssitze, Wirtschaftszentren, Bildungsstätten, Herbergen: Abseits ihrer religiösen Aufgaben erfüllten die europäischen Klöster im Mittelalter viele Funktionen. Das erklärt sich aus einem simplen Umstand: Die ersten Klöster auf dem Kontinent entstanden in einer chaotischen Zeit: der Völkerwanderung. Unterschiedlichste Ethnien, die mehr oder weniger treffend unter dem Begriff „Germanen“ zusammengefasst werden, suchten im 4. und 5. Jahrhundert neue Siedlungsräume. Ihren Forderungen verliehen sie eher mit Waffengewalt als mit Verhandlungen Nachdruck – bis weit hinein in das einst mächtige Römische Reich.

Auf diesem Wege wurde ein großer Teil der antiken Infrastruktur zertrampelt, von Straßen und Brücken über Schulen und Bibliotheken bis hin zu Kommunalverwaltungen und ganzen Städten. Es entstand eine Lücke, in die nach und nach Mönche und Nonnen vorstießen. Sie rodeten Wälder für ihre Klosterbauten und die zugehörige Landwirtschaft, sie richteten Schreibstuben, Schulen und Bibliotheken ein. Reiche Klöster wie Corvey oder Fulda erhielten von mächtigen Gönnern viel Grundbesitz geschenkt. Die Verwaltung dieser Ländereien und der darauf lebenden Bauern organisierten sie von ihren Ordensniederlassungen aus.

Blick in die Ausstellung „Corvey und das Erbe der Antike“ im Diözesanmuseum Paderborn. – Foto: Schwarze

Zu jener Zeit gab es außer Priestern, Mönchen und Nonnen kaum Menschen, die lesen und schreiben konnten. Das antike Bildungswesen lag brach. Und doch konnte hier und da aus den Trümmern von Städten das ein oder andere Buch oder sogar ganze Bibliotheksbestände gerettet werden. Dieses wertvolle Wissen römischer und griechischer Autoren blieb uns nur erhalten, weil Ordensleute es mühsam abgeschrieben hatten. Buchstabe für Buchstabe fein geschwungen, bei trübem Kerzenlicht auf unergonomischen Holzstühlen. Entgegen einer weit verbreiteten Auffassung interessierten sich die Mönche und Nonnen jener Epoche keineswegs nur für christliche Inhalte.

Wie sehr sie die „heidnische“ Antike schätzten, bewies Anfang des Jahres 2025 eine Ausstellung im Diözesanmuseum in Paderborn: „Corvey und das Erbe der Antike“. Anhand einer Vielzahl von Objekten aus Antike und frühem Mittelalter beantwortete sie Fragen wie „Weshalb zieren antike Motive mittelalterliche Schätze?“ oder „Warum war das Mittelalter viel fortschrittlicher als wir glauben?“ Gegenüberstellungen von Handschriften, Alltags- und Kultgegenständen demonstrierten, wie Kenntnisse von Kloster zu Kloster oder von Kloster zu Königshof weitergegeben wurden: Herrscher wie Karl der Große oder Ludwig der Fromme liehen talentierte Handwerker an Ordensniederlassungen aus, die ihnen am Herzen lagen. So konnten im Diözesanmuseum beispielsweise Objekte bewundert werden, die von hohem Können in der Bearbeitung von Stein, Edelmetallen und Edelsteinen zeugten. Dazu gehörten die kunstvollen Wandmalereien in der Abteikirche Corvey und ein Reliquienbehälter aus Enger, das wie ein Handtäschchen geformt ist. „Die verwendeten Technologien lassen sich aus der Antike herleiten“, hieß es auf einer Infotafel zum Thema „Wissenstransfer“. Was wiederum deutlich macht, dass – Völkerwanderung hin oder her – die Verbindungen zum Römischen Reich im Mittelalter nie vollständig abgerissen waren. Immerhin lebten Kultur und Technik der Römer im Byzantinischen Reich, der früheren östlichen Hälfte des Imperiums, weiter. Und Karl der Große nahm wiederum diplomatische Beziehungen zum Kaiser von Byzanz auf. Bestimmte Materialien der in Paderborn gezeigten Ausstellungsstücke – Edelsteine oder antike Schmuckstücke – belegten zudem Handelsbeziehungen in den östlichen Mittelmeerraum. Auf diesen Wegen könnten byzantinische Handwerkskünstler in die Mitte Europas gekommen sein, wo sie ihr Wissen anwandten und weitergaben.

Die Benediktinerabtei Corvey bei Höxter gehört zu den bedeutendsten Klostergründungen des Mittelalters. Als eines der wenigen erhaltenen Beispiele karolingischer Architektur steht das Westwerk der Kirche seit 2014 auf der Welterbeliste der UNESCO.

Autorin: Dr. Anke Barbara Schwarze, Historikerin und Redakteurin