Das Internet macht das gedruckte Buch zum Auslaufmodell. Dabei war der Buchdruck im 17. Jahrhundert das Internet der Neuzeit. Auf diesem Weg gelangte ein Pferd aus der flämischen Handelsmetropole Antwerpen in das Kloster einer westfälischen Kleinstadt.
Schnell von Antwerpen nach Werne zu reisen – das ging im 17. Jahrhundert am besten auf einem Pferd. Zollstationen, Mautbrücken und andere Haltepunkte eingerechnet, dauerte die Tour etwa zwölf bis 13 Tage (nachzurechnen auf der interaktiven Karte viabundus). Ein Auto schafft die 300 Kilometer lange Strecke in zweieinhalb Stunden.
Das Pferd, von dem hier die Rede sein soll, ist allerdings kein historisches Überbleibsel aus jenen unmotorisierten Tagen. Das schöne Tier – ein Palomino mit dem typischen goldfarbenem Fell und blondgelockter Mähne – galoppiert durch ein Altarbild in der Kirche des Kapuzinerklosters Werne. Im nächsten Moment scheint es aus dem Gemälde herauszuspringen. Sein Reiter, ein römischer Soldat, sticht mit seiner Lanze dem gekreuzigten Jesus in die Rippen. Damit erbringt er den Beweis, dass dieser wirklich tot ist.


Die dramatische Szene entstand im 17. Jahrhundert, als die Kapuziner gerade nach Werne gekommen waren. Geschaffen wurde sie von dem Maler Damian von Rathingen. Er hatte in Italien die Malerei barocker Meister studiert und kannte ihre Malweise. Die Komposition weist jedoch noch in eine andere Richtung: nach Westen, nach Antwerpen. Dort wirkte Peter Paul Rubens, ein Topstar der Gegenreformation. Mit dieser Aktion wollte die katholische Kirche jene Schäfchen wieder einfangen, die zum protestantischen Glauben geflüchtet waren. Priester und Ordensleute wollten mit Worten überzeugen, Rubens mit Pinsel und Farbe. Seine monumentalen Altarbilder inszenierten Glaubenslehren wie Theaterstücke – mit effektvoller Lichtregie, aufwühlenden Bewegungen und gefühlsbetonter Mimik.
In seinem Atelier wurden diese Gemälde im großen Stil produziert. Die Motive waren so beliebt, dass sie quasi viral gingen. Natürlich nicht über das Internet, sondern über Kupferstiche. Was heute nach Antiquitätenladen klingt, war damals ein relativ junges Verfahren der Vervielfältigung. Dabei wurden Motive in eine Kupferplatte eingeritzt und anschließend Farbe in die Rillen gewalzt. Die Platte wurde dann auf Papier gepresst, sodass sich die Farbe durchdrückte. Das Ganze ließ sich mehrfach wiederholen. Was heute in Copy-Shops passiert, übernahmen damals große Druckereien wie das Verlagshaus Plantin-Moretus in Antwerpen. Dort wurden die Bildideen von Rubens kopiert, auf Handelswegen transportiert und in ganz Europa verkauft.
Vermutlich gelangte auf diese Weise auch das Pferd aus Antwerpen nach Werne – nicht auf Hufen, sondern auf Papier. Sein Gegenstück findet sich in der Liebfrauenkathedrale in Antwerpen. Dort steht an prominenter Stelle ein mehr als sechs Meter breiter Flügelaltar. Im mittleren Bild ist zu sehen, wie das Kreuz, an das Jesus geschlagen wurde, gerade aufgerichtet wird. Auf dem rechten Flügel reitet ein Soldat zu Pferd heran. Sein Reittier ist grau und ein bisschen massiger als sein Verwandter in Werne. Aber die Art, wie es die Betrachtenden anschaut und aus dem Bild herauszuspringen scheint, ähneln sich verblüffend.
Auch wenn es damals noch keine Idee von einem geeinten Europa gab, existierten kulturelle Netzwerke. Künstler reisten, Drucke wanderten und mit ihnen neue Ideen. Deshalb sind die beiden barocken Pferde in Antwerpen und dem 300 Kilometer entfernten Westfalen so modern: Weil sie zeigen, dass Kunst keine Grenzen kennt.
Autorin: Dr. Anke Barbara Schwarze, Historikerin und Redakteurin