Endlich Freunde: 1963 wachsen Deutschland und Frankreich zusammen

In drei Kriegen standen sich Deutschland und Frankreich zwischen 1870 und 1945 unversöhnlich gegenüber. Und dann brauchte es nur acht Jahre, bis Konrad Adenauer und Charles de Gaulle einen Schlussstrich unter die alten Rivalitäten setzten: 1963 unterzeichneten sie den Élysée-Vertrag – mitten in einer heißen Phase des Kalten Krieges. Nur wenige Monate zuvor hatte die Kubakrise die Welt an den Rand eines Atomkrieges gebracht. Und mit der Berliner Mauer hatte die DDR im Jahr 1961 den Eisernen Vorhang zwischen Ost und West sichtbar zementiert. Im Gegenzug suchte Bundeskanzler Konrad Adenauer die Integration nach Westen – und damit die endgültige Aussöhnung mit dem Nachbarland Frankreich. Die deutsch-französische Freundschaft bildet bis heute – trotz politischer Meinungsverschiedenheiten – ein Fundament der EU. Sie ist uns selbstverständlich geworden. Doch ein Blick in die Geschichte zeigt, welche Leistung de Gaulle und Adenauer vor mehr als 60 Jahren mit ihrem Friedensprojekt vollbrachten.

Im Elysée-Palast in Paris unterzeichneten Konrad Adenauer und Charles de Gaulle für die BRD und Frankreich den Vertrag über die deutsch-französische Zusammenarbeit.

Jahrhundertelang war die Beziehung der beiden Großmächte jenseits und diesseits des Rheins fragil gewesen. Der Habsburger Kaiser Karl V. und König Franz I. von Frankreich stritten im 16. Jahrhundert vier Mal um die Vorherrschaft; im 17. Jahrhundert kämpfte Ludwig XIV. erfolgreich gegen die Macht der Habsburger in Spanien und in Deutschland-Österreich. Ein ständiger Zankapfel zwischen Deutschland und Österreich war das Elsass, das im Lauf der Jahrhunderte mehrfach die Nationalität wechseln musste. Anfang des 19. Jahrhunderts besetzte Napoleon weite Teile Deutschlands. Nach dem Sieg einer europäischen Allianz über den Franzosen herrschte 55 Jahre Ruhe – bis der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck die Franzosen 1870 zu einem Krieg provozierte. Frankreich verlor und Deutschland gewann seine Reichseinheit. Im Ersten Weltkrieg kosteten die Stellungskriege in Flandern und Lothringen Tausende deutscher und französischer Soldaten das Leben, im Zweiten Weltkrieg besetzten die Deutschen weite Teile Frankreichs.

Konrad Adenauer hatte seine Regierung von Anfang an auf Westkurs gesetzt. Dafür war eine Versöhnung mit Frankreich unabdingbar. Doch obwohl die Franzosen zähneknirschend in die Gründung der Bundesrepublik eingewilligt hatten, blieben sie dem Nachbarland gegenüber misstrauisch. Trotzdem gab es erste Schritte zur Annäherung, etwa die Montanunion. Andererseits hatte Charles de Gaulles noch 1954 den Plan einer europäischen Verteidigungsgemeinschaft torpediert. Entsprechend ungern sah Adenauer daher die Wahl des Generals zum französischen Präsidenten. Doch dann lud der Franzose den Deutschen 1958 in sein Landhaus in der Champagne ein. Entgegen aller Vorbehalte verstanden sich die beiden Männer – und verständigten sich auf einen gemeinsamen Weg.

Beschleunigt wurde das Voranschreiten durch zwei internationale Krisen. Im November 1958 forderte der Sowjet-Chef Nikita Chruschtschow den Rückzug der Westmächte aus Berlin. Die weigerten sich, was schließlich zum Bau der Mauer am 13. August 1961 führte. Ungleich brisanter war eine Entdeckung, die US-amerikanische Aufklärungsflugzeuge im Oktober 1962 machten: Abschussrampen für sowjetische Mittelstreckenraketen auf Kuba bedrohten unmittelbar die USA. Während Präsident Kennedy eine Seeblockade Kubas anordnete, liefen im Hintergrund diplomatische Verhandlungen mit Chruschtschow. Die Krise konnte abgewendet werden. Für Adenauer und de Gaulle war sie jedoch ein Anstoß, ihre Bemühungen zu beschleunigen, die sie auf wechselseitigen Staatsbesuchen angestrengt hatten. Der am 22. Januar 1963 im Pariser Élysée-Palast vereinbarte Vertrag über die französisch-deutsche Zusammenarbeit sah regelmäßige Treffen und Absprachen zwischen Vertretern beider Staaten vor: den Außenministern, den Ministern und Behörden für Verteidigung, Erziehung, Jugendarbeit und Sport.

Denkmal für Konrad Adenauer und Charles de Gaulle in Erinnerung an den Élysée-Vertrag von 1963 auf dem Gelände der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin

Der Vertrag gab den Startschuss für eine zwischenmenschliche Verbindung zwischen Deutschland und Frankreich abseits politischen Kalküls: den Städtepartnerschaften. Schon früh suchten erste Städte und Gemeinden sowie Vereine auf beiden Seiten nach Partnern im anderen Land. Gerade Jugendliche und junge Erwachsene drängten darauf, die Menschen, die Kultur und den Alltag eines anderen Landes vor Ort zu erleben. Ein zentraler Aspekt für die gegenseitige Verständigung war der im Élysée-Vertrag festgelegte wechselseitige Sprachunterricht. In diesem Sinne wurde der Schüleraustausch eine zentrale Brücke zwischen Deutschland und Frankreich – bis heute.

Autorin: Dr. Anke Barbara Schwarze, Historikerin und Redakteurin