Europa abseits der Hotspots entdecken

Schlammsatt zieht der Arno durch Florenz. Über seine älteste und berühmteste Brücke, die Ponte Vecchio, strömt bis in die späten Abendstunden eine Flut an Touristen. Die kleinen Läden, mit denen die Überführung seit dem 14. Jahrhundert bebaut wurde, beherbergen längst keine idyllischen Geschäfte mehr. Stattdessen versuche große Luxusmarken das Geld der unzähligen Besucher abzuschöpfen. Hinter der Brücke, am nördlichen Flussufer, erstreckt sich die historische Altstadt. Hier sind so viele Sehenswürdigkeiten verankert, dass die Stadt vor Schaulustigen überquillt. Wer den Dom besuchen möchte, muss damit rechnen, anderthalb bis zwei Stunden anzustehen. Tickets für den Campanile, den markanten Glockenturm, sind bis zu zwei Monate im Voraus ausgebucht.

Florenz teilt dasselbe Schicksal anderer europäischer Metropolen wie Barcelono, Venedig oder Dubrovnik: ein Maß an Besuchern, das den Massentourismus übersteigt. „Overtourism“ lautet das neue Schlagwort. Die ZDF-Dokumentation „Urlaubslust und Reisefrust: Wie viel Tourismus verträgt die Welt?“ benannt ein Kernproblem: 95 Prozent der Touristen reisen an gerade mal fünf Prozent der Orte weltweit (Anmerkung: Die Sendung ist bis zum 9. September 2030 im ZDF zu streamen). Und innerhalb dieser Hotspots knubbeln sich die Massen wiederum an Brennpunkten, die besonders social-media-wirksam sind. Gerade US-Amerikaner, so lautet ein Fazit der Doku, ziehe es in europäische Altstädte, in denen sie sich wie im Disneyland fühlen.

Wie lohnenswert die Suche nach Alternativen sein kann, zeigt das Beispiel der Tschechischen Republik. Hier ziehen vor allem zwei Städte die Touristen an: die historischen Zentren von Prag und Krumau. Beide stehen auf der Liste des UNESCO-Welterbes. Beide beeindrucken mit riesigen Burganlagen und einem fantastischen Panoramablick. Beide sind aufgrund von Direktflügen zwischen Prag und Seoul von Südostasien leicht zu erreichen: schnell da, schnell wieder weg.

Dabei lohnt es sich gerade, die Umgebung von Krumau (Ceský Krumlov) näher zu erkunden. Das dunkelgrüne Wasser der Moldau umschließt die Altstadt wie ein Band. Von hier aus bieten sich Kanutouren an – etwa zu den Klöstern Vyšší Brod und Zlatá Koruna (auf Deutsch: Hohenfurth und Goldenkron). Sie gehen zurück auf das Wirken von Zisterziensern, die im 13. Jahrhundert aus Österreich nach Böhmen kamen.

Die Ordensleute galten als fähige Verwaltungsfachleute, Landwirte und Baumeister. Daher wurden sie gerne von Landesherren in Gebiete gerufen, die in kirchlicher wie wirtschaftlicher Hinsicht als ausbaufähig galten – in diesem Fall von König Ottokar II. von Böhmen. Dabei importierten die Zisterzienser auch den gotischen Baustil aus Frankreich, dem Heimatland ihres Mutterklosters Cîteaux. So belegen die Klöster an der Moldau ein frühes europaweites Erschließungsprojekt.

Wem weniger nach paddeln und besichtigen ist, findet im Böhmerwald ein ausgezeichnetes Wegenetz zum Wandern vor. Und zwar im wahrsten Sinne des Wortes gut ausgezeichnet. Als der Kalte Krieg die Reisefreiheit der Ostblockbewohner einschränkte, urlaubten sie im eigenen Land. Und das wurde touristisch entsprechend gut erschlossen. Das gilt auch für die Ufer des Stausees Lipno. Inmitten des Landschaftsschutzgebiets Böhmerwald gelegen bietet der größte See Tschechiens viele Möglichkeiten zur Erholung: wandern, radeln, rudern, schwimmen, campen und spielen in Feriendörfern. Und keine halbe Autofahrstunde von Krumau entfernt.

Wer übrigens in Florenz zwischen Kunst und Touristen ein bisschen italienisches Lebensgefühl aufschnappen möchte, sollte sich in die Seitengassen oder auf die andere Seite des Arnos begeben. Dort finden sich abseits von Ketten und Souvenirshops einige Läden mit Antiquitäten, Keramik oder Vintag-Mode. Das viel beschworene italienische „dolce far niente“, die „Süße des Nichtstuns“ lässt sich in Florenz aber am besten frühmorgens zelebrieren – in einer kleinen Trattoria bei den Markthallen zum Beispiel, wenn die Händler gerade ihre Stände aufbauen und mit ihren Warenladungen über das Kopfsteinpflaster rattern. Touristen sind kaum in Sicht. Stattdessen hasten Florentiner an die Theke, um im Stehen ihren morgendlichen Espresso einzunehmen. Wer Zeit hat, nimmt Platz, wählt ein Tramezzino, die italienische Variante des Sandwiches, und einen Cappuccino. Und schaut in Ruhe zu, wie die „Stadt der Künstler“ langsam erwacht.

Bildquellen: Schwarze

Autorin: Dr. Anke Barbara Schwarze, Historikerin und Redakteurin